Zerstören II (2006) 25'
for orchestra (amplified)

Orchesterbesetzung
3.3.2.bcl.0.dbn-4.3.3.1-perc(3)-harp-pft-kbd(=sampler)-strings(10.8.6.6.4) - amplifier

Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.

World Premiere
23.02.2007
Leonhard-Gläser-Saal, Siegen
Philharmonie Südwestfalen / Russell N. Harris

 

Anmerkungen des Komponisten
Kompositionsauftrag der Philharmonie Südwestfalen/Landesorchester Nordrhein-Westfalen
Ermöglicht von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen

Die Dynamik der Schlagzeuge muss unbedingt dem Gesamtklang angepasst sein. Sie dürfen nicht zu laut sein und niemals vordergründig klingen. Die große Trommel, Bassdrum und die Toms sollten abgeklebt und gestopft werden, damit die Schläge hart und trocken klingen. Wenn akustisch notwendig, müssen Stoppschläge gespielt werden.

Zerstören II soll extrem engagiert und leidenschaftlich (sozusagen mit größtmöglicher Intensität) gespielt werden. Das Orchester wird streckenweise zu einem monströsen Klangkörper, einer gewaltigen (fast brutalen) kollektiven Entäußerung, die dennoch aus vielen Schichten besteht. Für die Intensität des Stückes ist die Energie und Spannung eines jeden einzelnen Musikers notwendig, auch wenn der Einzelne manchmal in der Masse bedeutungslos zu sein scheint. Die dichten Teile müssen von Allen rhythmisch extrem präzise gespielt werden.

Die vorgeschriebene Dynamik ist in den dichten Teilen größtenteils eine ‘subjektive’, da hier mehrere musikalische Schichten gleichzeitig erklingen und eine einheitliche (objektive) Tutti-Gesamtdynamik nicht gegeben ist. Manche wichtigen Hauptstimmen sind als solche in der Partitur vermerkt. Insgesamt sollen eher de-naturierte, geräuschhafte, „kranke“ und brüchige Klänge angestrebt werden...

* * *

Zerstören I ist ein Ensemblestück, uraufgeführt im Mai 2006 in bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik. Dazu schrieb die Komponisten: Aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine neue Form der Irrationalität auf dem Vormarsch ist, dass archaische ‘Leidenschaften’ und brutale Gewalt zunehmend das globale politische Geschehen beherrschen, dass Werte und Normen, die sich im so genannten Westen im Zuge der Aufklärung und Säkularisierung nach und nach durchgesetzt haben, immer mehr an Bedeutung verlieren und überdies nicht unbedingt exportierbar sind. Was vielleicht nicht wirklich erstaunt, sind doch die existentiellen metaphysischen Fragestellungen im Prozess der Aufklärung allmählich in den Hintergrund gedrängt und den Religionen überlassen worden. Aus dieser ‘Ecke’ holen sie uns offenbar nun wieder ein, ins Monströse verzerrt und vergrößert; besonders für Frauen eine fatale beängstigende Entwicklung.
Jedenfalls sind die Bilder, die derzeit um den Globus gehen, recht eindrücklich und ich merke, dass sie etwas mit mir machen, dass sie mich verändern. Darum geht es in Zerstören I. (...) Dann fiel mir auf, dass sich in mir – je länger ich mich mit Zerstören beschäftigte – mehr und mehr ein ‘innerer Film’ verdichtete, der irgendwann zu einer Art ‘Vorlage’ für den Kompositionsprozess selbst wurde. Dieser ‘innere’ Film hat keine Handlung und besteht eigentlich nur aus immer wiederkehrenden kurzen dokumentarischen Bildausschnitten, die ein- und ausgeblendet werden, sich überschneiden mit anderen Bildausschnitten, an anderer Stelle in anderer Perspektive und in anderem Tempo wieder kurz auftauchen, wieder verschwinden usw. Es sind immer mehrere dieser Bildausschnitte gleichzeitig zu sehen, das heißt, die Bildoberfläche / der ‘screen’ ist mehrfach unterteilt. Die einzelnen Bilder sind nur schemenhaft zu erkennen, als wäre die Kameralinse bei den Aufnahmen zerkratzt gewesen.
Die Konstruktion dieses ‘inneren Films’ hat mich durch den Kompositionsprozess geleitet, ebenso wie das ‘Klima’ und der von Anfang an vorhandene ‘Grundton’ (...)

Zerstören II ist nun ein Orchesterwerk, und es gibt einen Unterschied. Ich habe mich von den außermusikalischen Einflüssen wegbewegt hin zu ‘innermusikalischen’ Prozessen, obwohl natürlich das außermusikalische ‘Ursprungs-Klima’ noch mitschwingt. Daher auch der Titel Zerstören II. Die außermusikalische Realität, so wie sie uns präsentiert wird, beschäftigt mich immens und schwingt immer in meiner Arbeit mit. Ich glaube sagen zu können, dass sie ein Hauptimpuls für meine Arbeit ist.

Der Titel Zerstören II ist extrem vielschichtig und erlaubt viele Assoziationen zu dem, was offenbar in der Luft liegt: Zerstören als Haltung, als Möglichkeit, sich auszudrücken (Terrorismus) oder auch sich durchzusetzen (wie es mehr und mehr zu einem anerkannten als Politik bezeichneten Vorgehen wird, (Irak-Politik, jüngster Libanon-Krieg etc..), aber auch in die Richtung, was dabei in uns geschieht (das Zerstören in uns oder auch die Veränderung, die wir in uns erleben, wenn wir diese Vorgänge ernst nehmen...). Zerstören kann auch als Wutausbruch, vielleicht sogar als Katharsis begriffen werden. Es ist mir wichtig, dass die ganze ‘Palette’ von Möglichkeiten in dem Begriff mitschwingt, und es wäre das Beste, wenn genau diese ‘Palette’ sich jenseits von Worten oder außermusikalischen „Programmen“ in der Musik wiederfände,

Ich habe verschiedene Methoden, zu Klängen zu entwickeln. Meist habe ich zuerst eine Art rhythmische Dramaturgie, eine körperliche rhythmische Empfindung und Energie, zu der – zunächst verschwommen – Klänge gehören. Der anstrengende Prozess ist es, diese vielschichtigen und manchmal komplizierten Klänge zu präzisieren und aufzuschreiben. Bisweilen experimentiere ich mit Klängen, die ich finde, nehme Geräusche etc. auf und verarbeite sie in meinem Computer, um herauszufinden, welche Art von Klängen ich meinen könnte und welche Klänge mich ‘bewegen’.

Die Dramaturgie eines Stückes entwickelt sich erst während der Arbeit. Zunächst gibt es nur eine Ahnung, die sich während des Kompositionsprozesses mehr und mehr konkretisiert. In dem Stück Zerstören II gibt es große Extreme. Sehr dichte laute kollektive Teile und auf der anderen Seite vereinzelte fast solistische Passagen. Die Handhabung dieser Extreme und ihr jeweiliger Einsatz ergeben sich nach und nach und folgen einer inneren Logik der Klänge.

Ich glaube übrigens nicht, dass wir Extreme brauchen (so wenig, wie Computerspiele oder Designerdrogen). Aber wir leben – ob wir wollen oder nicht – in einer Welt voller Extreme, und wir müssen eine Haltung dazu finden. Vielleicht verändert sich diese Haltung im Laufe des Lebens, ich merke, dass ich selbst auf Extreme offenbar ‘extrem’ reagiere, und es ist meine Art, dazu Stellung zu nehmen. Manchmal träume ich davon, ein Stück zu schreiben, das das Gegenteil bewirkt, das sich aus allem ‘herauszieht’, völlig unbeeindruckt und leise und still seiner Wege geht.
Iris ter Schiphorst (2007)

Reproduction Rights:

This programme note may be reproduced free of charge in concert programmes with a credit to the composer


Pressestimmen
Eine beeindruckende Uraufführung
Siegen. (Loh) Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff brachte es auf den Punkt, indem er Komplimente vergab: eines für „diesen Brahms“, mit dem das Festkonzert zum 50-jährigen Bestehen der Philharmonie Südwestfalen schloss, und eins für den Mut, in diesem Festkonzert im Gläser-Saal eine Uraufführung zu wagen.
Dieses wurde möglich durch die Hilfe der Kunststiftung NRW. Iris ter Schiphorst, 1956 geboren, hatte die Auftragskomposition „Zerstören II“ genannt. (...)
Der Duktus dieses Werkes hat sicher etwas Verstörendes – ob er etwas Zerstörendes hat, mag eine offene Frage bleiben. Ihre Beantwortung hängt sicher von den Umständen ab, unter denen man diese Musik hört. In der morgendlichen Generalprobe waren die Elektronikzuspielungen sehr viel weniger stark. Da drängten sich noch ganz andere Assoziationen in den Vordergrund... Da klang vieles so, als wolle sich unter Schmerzen neues Leben entfalten, embryonal anmutende Klänge, die in ganz verschiedene Richtungen auseinander zu streben schienen und deshalb Zerrissenheit demonstrierten. In der Intensität des Konzertereignisses klang vieles aggressiver, aber kaum destruktiv. Die ästhetische Form hielt das Auseinanderstrebende so zusammen, dass sogar ein nahezu versöhnlicher Schluss möglich erschien – weniger als Reminiszenz an das, was vorher war, sondern eher als Einverständnis mit dem, was am Ende des Prozesses sein würde. Nach Auskunft von Chefdirigent Russell N. Harris bestand für die Musiker die größte Herausforderung darin, die von der Komponistin vorgeschriebenen Klangeigenarten hervorzubringen – Töne zu erzeugen, die sie vorher nie auf ihren Instrumenten hervorgebracht hatten. Die Komponistin selbst war vom Engagement der Orchestermusiker und ihrer Experimentierbereitschaft sehr angetan... Das Festpublikum quittierte die Leistung aller Beteiligten mit starkem Beifall. (...) Mit der Ouvertüre zu „Roi Lear“ hatte das Konzert begonnen – sicher auch keiner programmatischen Musik über das furchtbare Schicksal dieser verstörenden Shakespeare-Gestalt. Im zweiten Teil dann eine großartige Fortsetzung mit der 1. Sinfonie von Brahms. Aber es gab auch Zuhörer, denen der Rückweg von ter Schiphorst zu Brahms schwer gefallen ist.
(Westfälische Rundschau, 25.02.2007)


„… Anschließend versammelte sich das BBC-Symphonieorchester wieder zur Aufführung von Iris ter Schiphorsts Zerstören II (2006). Die 1956 geborene Komponistin, die man vielleicht am besten aus ihren Koproduktionen mit Helmut Oehring kennt, zeigte hier auf eindrucksvolle Weise ihre eigene Klangsprache. Ebenso eindeutig wie der Titel (…) vermittelt die Musik abstrakte Bilder von Gewalt und Verwerfung, wobei ter Schiphorst immer wieder den Griff zum – strukturellen, klanglichen oder dynamischen – Extrem mit einem gewissen (nicht unbedingt zielorientierten) Vorwärtsdrang untermauert und ihm durch die unterschwellige klangliche Ausgestaltung Kontur verleiht. Das Ergebnis ist ein Werk, das trotz seiner inneren Komplexität eine körperliche Unmittelbarkeit besitzt, die die Aufmerksamkeit sowohl fordert als auch festhält – umso mehr in einer so zugänglichen Aufführung wie dieser. Zudem konnte man sich an der Rückkehr von André de Ridder erfreuen, dessen musikalische Kompetenz außer Frage steht. Schade nur, dass die BBC ihren Konzerten in Maida Vale nicht die Werbung zuteil werden lässt, die sie verdienen – das einzig „Schwierige“ an diesem Konzert war herauszufinden, dass es überhaupt stattfand!“ (Richard Whitehouse, New German Music)

"Mit Zerstören II legte Iris ter Schiphorst ein keineswegs destruktives, sondern spannendes, streckenweise unheimlich intensiven Werk vor. Es reiht nicht wahllos Klänge und Geräusche aneinander, sondern entrollt ein großes und, trotz Textzuspielung, unaussprechliches Drama. Hier gelingt es endlich auch einmal, das Keybord gleichermaßen als Kontrast und Komplement des Orchesters einzusetzen, anstatt ihm nur belanglose Samples zu entlocken. Zerstören II ist ein Meisterstück und Iris ter Schiphorst auf dem Weg in die allererste Reihe zeitgenössischer Komponisten." (Volker Tarnow, Berliner Morgenpost, 29.01.2009)

Zurück