Iris ter Schiphorst: Expertin für das Dazwischen (zur UA der ‚Ballade für Orchester: Hundert Komma Null’) im Programmheft der musica viva 11. Februar 2000

Programmhefttext zur UA des Orchesterstücks HUNDERT KOMMA NULL

Der Bereich ,Musik‘ scheint mir polarisierter denn je; auf der einen, überwiegenden Seite eine Musikkultur, die gänzlich ohne Schrift auskommt – zumindest ohne das traditionelle Aufschreibesystem (die sogenannte Pop-Musik); auf der anderen Seite ein kleiner Zirkel von Individuen, der sich ganz der (neuen) Schrift-Musik, bzw. der Verschriftlichung von Musik widmet.
Wer sich dazwischen bewegt, wird oft sowohl von der einen, als auch der anderen Seite belächelt… oder gar als Verräter eingestuft …
Um es gleich vorweg zu nehmen: ich bin Expertin für das „Dazwischen“… Ich befinde mich immer irgendwo dazwischen…, zwischen den Medien, den Stilen, zwischen Schrift und Klang, Hören und Sehen, zwischen Wissenschaft und Kunst, Theorie und Praxis…. Es ist dieser Ort, das ‚Dazwischen‘, an dem ich mich besonders gut auskenne, der mich besonders interessiert…

Für ein ganz bestimmtes „Dazwischen“ gibt es in der neueren Literatur- und Kulturwissenschaft mittlerweile einen Begriff: „semi-literale Literatur“.
Damit ist eine Literatur gemeint, die und nur sehr rudimentär durch die Schrift geprägt und geformt ist. „Semi-literale Literatur“ ist ein „Zwischending“; sie ist zwar geschrieben, verwendet jedoch formale und stilistische Kriterien, die eher Kennzeichen einer schriftlosen Kultur sind.
Dazu gehören zum Einen die vielfältigen Erscheinungsformen der Wiederholung
(d a s Grundprinzip mündlicher Komposition) und zum Anderen das gleichzeitige Verwenden von verschiedenen Codes (wie melodische, rhythmische, choreographische und gestische), die Botschaft ‚intensivieren‘; denn in einer oralen Kultur müssen die Zuhörer auf vielfältige Weise und über verschiedene Sinne angesprochen, ‚berührt‘ werden, um die Botschaft aufnehmen und begreifen zu können.

Ich sollte hier vielleicht einfügen, daß die Bedeutung einer eigenständigen oralen Stilistik, sowie ihr Einfluß auf die Schriftkultur erst ganz allmählich erkannt wird.
Und es ist vielleicht kein Wunder, daß dies zu einem Zeitpunkt geschieht, an dem die Vernetzung zu einer globalen Informationsgesellschaft quasi abgeschlossen ist. An dem die Gesetze der Schrift ihren Sieg davongetragen haben.
Im globalen Netz existiert keine ‚orale Stilistik‘. Dort ist die Botschaft extrem knapp, reduziert auf einen Minimal-Code, der völlig losgelöst von Raum und Zeit, völlig losgelöst von Körpern zirkulieren kann.
Das Gegenteil ist in ‚oralen Kulturen‘ der Fall…Dort ist die ‚Botschaft‘ immer an Körper gebunden. An den Körper desjenigen, der sie präsentiert und derjenigen, die sie aufnehmen, die ‚Zuhörer‘ (Stichwort: „von Mund zu Ohr“ im Gegensatz zu „von Buchstabe zu Auge“).

Ich möchte an dieser Stelle einfach behaupten, daß auch meine Musik immer mit Elementen sogenannter ‚oraler Stilistik‘ arbeitet. (Insofern hat sie mit dem Gestus und der Haltung eines Großteils der Neuen Musik wenig zu tun. Obwohl letztendlich jede Musik – zumindest so lange sie eine Aufführung zum Ziel hat, auf eine Situation hinausläuft, die ihrer Form nach an die archaische Situation des „Mund zu Ohr“ Prinzips erinnert. Unabhängig davon, wie ‚neu‘ die Botschaft ist. In einer Aufführung spielt Schrift – zumindest für Zuhörer – keine Rolle.)

Musik ist für mich ‚Sprache‘ (ob ich will, oder nicht…). Das heißt, es geht mir ganz traditionell darum, ‚etwas‘ auszudrücken, etwas mitzuteilen. Ausgangspunkt ist dabei immer mein Körper, denn immer dann, wenn mich etwas sehr bewegt, wird in mir eine Art ‚innerer Monolog‘ in Gang gesetzt, der auf ganz verschiedenen Ebenen, ja, man kann sagen, über ganz verschiedene Sinne abläuft, den gesamten Körper erfaßt: ein Gemisch aus Worten, melodischen und rhythmischen Phrasen, aus Bewegungsimpulsen und Bildern, die unwiderruflich zusammen gehören. – und im Medium ‚Schrift‘ oft kaum zu fassen sind. Trotzdem versuche ich immer wieder, dieses Gemisch, diese ganzen verschiedenen Ebenen in meine Arbeit mit aufzunehmen. Daher überschneiden sich bei mir oft die Gattungen… (Zu meiner ersten Oper „Anna’s Wake“ gehört z. B. ein 16 mm Film und die Partitur meiner Kammeroper „Silence moves“ verzeichnet nicht nur eine auskomponierte Licht- und Bewegungschoreographie, sondern auch eine in den Ablauf einkomponierte Videoinstallation).
Natürlich gibt es auch Arbeiten, die sich nur mit dem Code der Musik befassen. Wie zum Beispiel die „Ballade für Orchester: HUNDERT KOMMA NULL“. Trotzdem gibt es auch hier Elemente ‚oraler Stilistik‘…zum Beispiel eine Melodie, die wie eine Art ‚Lied‘ das ganze Stück durchzieht (wenn auch äußerst verfremdet und auf eine Weise instrumentiert, die deutlich macht, daß nicht mehr an es geglaubt wird)…, oder rhythmische Strukturen, die sehr gestisch und körperlich gedacht sind…, sehr bewußt gesetzte Wiederholungen etc. etc….

Es ist vielleicht etwas verwegen, in dieser Kürze und auf diese Weise eine Verbindung zwischen den Erkenntnissen der neueren Literatur- und Kulturwissenschaft und meiner Musik zu ziehen, wie ich es hier andeutungsweise versucht habe.. (und schließlich ist Musik ja auch keine Literatur - obwohl es manchmal den Anschein hat…) Aber vielleicht können bestimmte musikalische Eigenarten auf diese Weise in einem etwas anderen Licht betrachtet – und gehört werden…Vielleicht ist es möglich, über solch einen Umweg dem namenlosen ‚Dazwischen‘ etwas besser auf die Spur kommen…

copyright Iris ter Schiphorst

Zurück