Presse


Zur UA von Vergeben /Bruchstücke zu Edgar Varèse

FAZ vom 5. 11. 2007

… Das „Double“-Thema wurde in vielfältigen Variationen und ästhetischen Ansätzen in Iris ter Schiphorsts „Vergeben/Bruchstücke zu Edgar Varèse“ mit prozesshafter Stringenz abgehandelt. G. Rohde

Zur UA von ZERSTÖREN II

Westfälische Rundschau vom 25. 02. 2007

‘Eine beeindruckende Uraufführung’
Siegen. (Loh) Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff brachte es auf den Punkt, indem er Komplimente vergab: eines für “diesen Brahms”, mit dem das Festkonzert zum 50-jährigen Bestehen der Philharmonie Südwestfalen schloss, und eins für den Mut, in diesem Festkonzert im Gläser-Saal eine Uraufführung zu wagen.
Dieses wurde möglich durch die Hilfe der Kunststiftung NRW. Iris ter Schiphorst, 1956 geboren, hatte die Auftragskomposition “Zerstören II” genannt. (…)
Der Duktus dieses Werkes hat sicher etwas Verstörendes - ob er etwas Zerstörendes hat, mag eine offene Frage bleiben. Ihre Beantwortung hängt sicher von den Umständen ab, unter denen man diese Musik hört. In der morgendlichen Generalprobe waren die Elektronikzuspielungen sehr viel weniger stark. Da drängten sich noch ganz andere Assoziationen in den Vordergrund…. Da klang vieles so, als wolle sich unter Schmerzen neues Leben entfalten, embryonal anmutende Klänge, die in ganz verschiedene Richtungen auseinander zu streben schienen und deshalb Zerrissenheit demonstrierten. In der Intensität des Konzertereignisses klang vieles aggressiver, aber kaum destruktiv. Die ästhetische Form hielt das Auseinanderstrebende so zusammen, dass sogar ein nahezu versöhnlicher Schluss möglich erschien - weniger als Reminiszenz an das, was vorher war, sondern eher als Einverständnis mit dem, was am Ende des Prozesses sein würde.Nach Auskunft von Chef-dirigent Russell N. Harris bestand für die Musiker die größte Herausforderung darin, die von der Komponistin vorgeschriebenen Klangeigenarten hervorzubringen - Töne zu erzeugen, die sie vorher nie auf ihren Instrumenten hervorgebracht hatten. Die Komponistin selbst war vom Engagement der Orchestermusiker und ihrer Experimentierbereitschaft sehr angetan….Das Festpublikum quittierte die Leistung aller Beteiligten mit starkem Beifall. (…)Mit der Ouvertüre zu “Roi Lear” hatte das Konzert be-gonnen - sicher auch keiner programmatischen Musik über das furchtbare Schicksal dieser verstörenden Shakespeare-Gestalt. Im zweiten Teil dann eine großartige Fortsetzung mit der 1. Sinfonie von Brahms. Aber es gab auch Zuhörer, denen der Rückweg von ter Schiphorst zu Brahms schwer gefallen ist.


Zur englischen Erstaufführung von Zerstören II am 2. 11. 2007

BBC- Symphony Orchestra unter André de Ridder in den Maida-Vale Studios/London

New German Music Reviewed by: Richard Whitehouse

„… Anschließend versammelte sich das BBC-Symphonieorchester wieder zur Aufführung von Iris ter Schiphorsts Zerstören II (2006). Die 1956 geborene Komponistin, die man vielleicht am besten aus ihren Koproduktionen mit Helmut Oehring kennt, zeigte hier auf eindrucksvolle Weise ihre eigene Klangsprache. Ebenso eindeutig wie der Titel (…) vermittelt die Musik abstrakte Bilder von Gewalt und Verwerfung, wobei ter Schiphorst immer wieder den Griff zum – strukturellen, klanglichen oder dynamischen – Extrem mit einem gewissen (nicht unbedingt zielorientierten) Vorwärtsdrang untermauert und ihm durch die unterschwellige klangliche Ausgestaltung Kontur verleiht. Das Ergebnis ist ein Werk, das trotz seiner inneren Komplexität eine körperliche Unmittelbarkeit besitzt, die die Aufmerksamkeit sowohl fordert als auch festhält – umso mehr in einer so zugänglichen Aufführung wie dieser. Zudem konnte man sich an der Rückkehr von André de Ridder erfreuen, dessen musikalische Kompetenz außer Frage steht. Schade nur, dass die BBC ihren Konzerten in Maida Vale nicht die Werbung zuteil werden lässt, die sie verdienen – das einzig „Schwierige“ an diesem Konzert war herauszufinden, dass es überhaupt stattfand!“

Zur Berliner Erstaufführung von ZERSTÖREN II

BERLINER MORGENPOST vom 29. 1. 2009 von Volker Tarnow

… Doch das erste wirklich wichtige Ereignis bei Ultraschall 2009 eliminierte schon am dritten Abend den Schwerpunkt DDR. Das von Roland Kluttig glänzend disponierte Deutsche Symphonie-Orchester Berlin plädierte im Großen Sendesaal des RBB überzeugend für Gegenwartsmusik. Mit “Zerstören II” (2006) legte Iris ter Schiphorst ein keineswegs destruktives, sondern spannendes, streckenweise unheimlich intensives Werk vor. Es reiht nicht wahllos Klänge und Geräusche aneinander, sondern entrollt ein großes und, trotz Textzuspielung, unaussprechliches Drama. Hier gelingt es endlich auch einmal, das Keybord gleichermaßen als Kontrast und Komplement des Orchesters einzusetzen, anstatt ihm nur belanglose Samples zu entlocken.
“Zerstören II” ist ein Meisterstück und Iris ter Schiphorst auf dem Weg in die allererste Reihe zeitgenössischer Komponisten.



Zu Hi Bill! (für Bassklarinette Solo)

In ‚Das Orchester’ 11/2006, Seite 99

Wie schon der Titel Bass Clarinet vermuten lässt, steht das tiefe Holzblasinstrument hier im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mit einer Reihe gleichermaßen reizvoller wie anspruchsvoller zeitgenössischer Werke stellt Volker Hemken, der seit 1992 Solo-Bassklarinettist des Gewandhausorchesters Leipzig ist, sein Instrument vor.
Iris ter Schiphorsts Hi Bill! ist „eine kleine Hommage an unzählige Stunden in verrauchten Clubs und Übungskellern“. Das rhythmisch-melodische Kraftfeld wird hier mit Schreien, Singen, Zischen und Klappengeräuschen bereichert, die sehr jazzige Impressionen wachrufen. Man fühlt sich nicht selten an die Improvisationen von Eric Dolphy erinnert.

Zu Zerstören (für großes Ensemble plus Sampler) uraufgeführt von ASKO in Witten 2005

In ‚Neue Zeitschrift für Musik’, 4/2006

Eines der wirklich beeindruckendsten Stücke des Festivals war Iris ter Schiphorsts ‚Zerstören’, das die globale Allgegenwart von Gewalt in vielschichtigen Klangreaktionen
transformiert, ein ‚innerer Film, der mit abgründiger Aufgewühltheit fesselte. (Dirk Wischollek)

In ‚Positionen – Beiträge zur Neuen Musik‘ Heft 68, August 2006

… Beinahe körperliche Präsenz hatten die ineinander geschobenen Klangflächen, deren aufgestaute Energien Iris ter Schiphorst in ihrem packenden Ensemblestück Zerstören (2005/06) zum Bersten brachte, um sie gegen Ende verlöschen zu lassen. (Stefan Drees)

FAZ 16. 5. 2006
Wenn etwa Iris ter Schiphorst auf dem Hintergrund gegenwärtigen politischen Geschehens ihr Ensemble-Stück ‚Zerstören‘ komponiert, schlägt sich darin auch die seelische Belastung des einzelnen durch äußere Katastrophen nieder. ‚Zerstören‘ ist in seinen Klangschichtungen, Erregungssequenzen, psychisch spürbaren Vibrationen und Geräuschattacken eine Reaktion auf die Realität – eine Art komponierter Notwehr. (Gerhard Rohde)

zur Musik zum Film: ‚ La Coquille et le Clergyman‘
für Ensemble und Sampler, uraufgeführt von ASKO auf der Filmbienale in Amsterdam

NRC Handelsblad vom 07/04/2005

Die Musik der niederländisch/deutschen Iris ter Schiphorst stellt eine natürliche Kombination mit dem Film her…eine echte Einheit vom Bild und Musik. Manchmal folgt sie den Assoziationen ganz präzise, dann wieder geht sie ihren eigenen Weg. Ter Schiphorst weiß den Instrumenten einen ganz eigenen Klang zu entlocken: dünn und unwirklich. Dieser paßt ausgezeichnet zum Film…

zum Porträtkonzert im „Forum Neue Musik 2005“ des Deutschlandfunks

neue Musikzeitschrift 4/2005, con brio Regensburg

So war es an der Vierten im Bunde, an Iris ter Schiphorst, die Dinge gerade zu rücken und den Kunstanspruch des Komponierens mit einem fulminanten Wurf einzulösen. Als Auftragswerk des Deutschlandfunks kam als Höhepunkt des „Forums neuer Musik 2005“ ein Werk zur Uraufführung, in dem konkrete Instrumentalklänge durchgängig verstärkt und durch Zuspielbänder angereichert und aufgeladen wurden. …“Aus Kindertagen: verloren“ streut in einen hochorganisierten Ensemblesatz Kinderverse und Romanzitate… ein Verfahren, dem die Hamburgerin auch in anderen Werken nachgeht….Für die Gewinn- und Verlustrechnung des „Forums neuer Musik 2005“ erwies sich dieses Porträtkonzert als eminenter Glücksfall. (Georg Beck)

Bonner General-Anzeiger, 9. März 05

… Die größte Entdeckung war zweifellos die Berliner Komponistin Iris ter Schiphorst. Ihre reichen Klanglandschaften setzen sich aus einer originellen Mischung von geräuschhaften Klängen (durch elektronische Verstärkungen der Instrumente) einerseits und aus einer in hohem Grad expressiven Erzählweise zusammen. Als Auftragswerk des Deutschlandfunks begeisterte „aus Kindertagen: verloren!“ durch seine Geschlossenheit und die originelle Nutzung der E-Gitarre…


zu: ‚Erlaube Fremdling, dass ich dich berühre…‘ (UA)

Sächsische Zeitung vom 17.5.04

Kunstwerke, die sich kritisch mit der Alltagskultur auseinandersetzen, sind selten geworden, denn nur wenige produzierende Künstler sind sich bewußt, neben ästhetischer auch noch soziale Verantwortung zu haben. Iris ter Schiphorst, 1956 in einer deutsch- niederländischen Familie in Hamburg geboren und seit langer Zeit immer wieder in Dresden präsent, gehört da zu den Ausnahmen und scheut sich nicht Stellung zu beziehen. Die deutlichste Ausprägung konnte im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau besichtigt werden. Dort fand die Uraufführung von ‚Erlaube, Fremdling, dass ich dich berühre…‘ statt. Die Komponistin setzt sich in dieser ‚musikalisch-theatralischen Aktion in 5 Teilen‘ zum Thema ‚Mensch und Virtualität‘ mit der informationellen Schieflage auseinander: Nur 10 Prozent der Weltbevölkerung haben Zugang zum Internet. Das ist wieder ein Vorsprung, den die übrigen neunzig Prozent gar nicht oder erst in Jahrzehnten aufholen werden. Keine Gleichheit, sondern Dominanz einer neuen Elite. Ter Schiphorst fragt nach dem Verhältnis des ‚vernetzten‘ Menschen zum ‚Outsider‘, der von der virtuellen Kommunikation abgeschnitten ist, und findet packende Bilder…Dazu eine vielschichtige Musik, die ungemein gestisch ist, und von Trio (Cello, Violine, präpariertes Klavier), Streichquartett und Zuspielband. Die Mittel reichen von verlorenen Einzeltönen bis zu kompakten Klangmassen und Geräuschen…Eindrucksvoll.

Dresdener Neue Nachrichten vom 17.5.04

… eine starke Komponente: die Musik…ein merkwürdiges Hörresultat von Beklemmung und Verstörung, die geschickte Klanganordnung eines stilistisch musikalischen ‚Verlorenseins…

zu: Für Akkordeon (UA/BE)

Westdeutsche Zeitung vom 24. 5. 04

“Den Höhepunkt…bildete Iris ter Schiphorsts ‘FÜR AKKORDEON’. Zu Beginn ein hoher Ton, der wie aus dem Nichts aufzutauchen scheint, dann als Brechung ein grotesk hüpfender Bass…das Akkordeon kann in seinen zahlreichen Farben glänzen. Dramatische Zuspitzungen und überraschende Wendungen, wie ein schlagartig auftauchendes Walzermotiv bestimmen dieses facettenreiche Werk.”

Deutschlandfunk, Musikjournal am 8.11.04

“…. . Sehr berührend war in diesem Konzert Gerhard Scherers Interpretation des Akkordeon-Solostücks von Iris ter Schiphorst, das in seiner Dekonstruktion expressiver Gesten einer Auslöschung gleicht….”(Gisela Nauck, WDR)


zu: Wie einen Wasserfisch (UA)

Saarbrücker Zeitung 10.11.2003

… mit Iris ter Schiphorst “…wie ein Wasserfisch…” wurde auf dem Festival rendez-vous musique nouvelle (Forbach) eine Musik uraufgeführt, die in ihrer Verbindung aus strenger neuer Klanglichkeit und unverkrampftem Umgang mit Rock oder Pop-Stilistik frisch und faszinierend zugleich ist…

zu: Euridice (UA)

Deutschlandfunk, Musikjournal, 23. September 2002

“Das zentrale Moment bilden Stimme und Stimmen. Sie flüstern und klagen, versuchen zu Worte zu kommen, erinnern, rekonstruieren. Iris ter Schiphorsts Kammeroper Eurydike, Szenen aus der Unterwelt reibt sich am Mythos des Schweigens…Die Berliner Komponistin vermutet eine kulturgeschichtlich verschüttete Schicht und fragt nach der Selbstreflektion der von Monteverdi bis Gluck stets verstummenden Frau….Gestisch-tänzerische Darbietung, Gesang, Verbalkommentar und Instrumentalpart gehen in dieser Arbeit auf beredte, berührende Weise zusammen…” (Frank Kämpfer, WDR)

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. September 2002

… Das ist Iris ter Schiphorsts „Eurydike – Szenen aus der Unterwelt“ im Theater am alten Markt als Eröffnungsteil (…) in seiner musikalischen Struktur aber wesentlich einprägsamer und nicht zuletzt in seinem konsequenten Blick auf die vom Mythos vernachlässigte Eurydike moderner als die beiden folgenden Teile des Orpheus-Zyklus. Mit wenigen instrumentalen Schlangenlinien von Cello und Violine zu Beginn gelingt es ter Schiphorst weit suggestiver, Atmosphäre zu schaffen, als es ihre Komponistenkollegen mit all dem akustisch-visuellen Brimborium vermögen…
(‚Das Schweigen seliger Meister‘ Szenen aus der Unterwelt: Drei Orpheus-Opern am Theater Bielefeld uraufgeführt von Wolfgang Sandner)

zu: My sweet latin lover

Aus der Süddeutschen Zeitung vom 10. Juni 2002

… Iris ter Schiphorsts „My sweet latin lover“ für verstärkte Soloflöte, Sample Keyboard, zwei Schlagzeuger und E-Gitarren – Quintett beschloß das Konzert mit einem fulminanten Erfolg. Das introvertiert-lichte Klangband, in das die Flöte und Kurztexte eingebettet sind, wird gelegentlich durch gezackte Attacken aufgebrochen. Schiphorsts unwohlige Idylle schreibt intelligent an Zappas Erbe weiter…( ‚Dichtes Geflecht‘Musica viva von Anton Sergl)


Zur Berliner Erstaufführung von Ballade für Orchester: Hundert Komma Null

Berliner Morgenpost, 12. 05.03

Iris ter Schiphorst bringt frische Luft in die so genannte E-Musik, wo schon seit längerem akute Atemnot herrscht, und versteht sich auf unkonventionelle Klänge…


zur UA von Hundert Komma Null Ballade für Orchester (München, musica viva 2000)

Aus der Frankfurter Rundschau vom 22. 2. 2000

… Mit Spannung wurde die erste Orchesterkomposition von Iris ter Schiphorst erwartet….Ihre musikalischen Wurzeln liegen in der avancierten Rockmusik, und die Verwandtschaft des neuen Werks mit dem Ultimativen Titel Hundert Komma Null zum Art Rock bester Tage (King Crimson, Univers Zero) ist unüberhörbar in den drei Abschnitten Maschine A, B und C. Das dreiteilige Werk wurde angeregt von einem Anagramm (Das Leben ist schrecklich) von Unica Zürn und untergliedert sich in drei Strophen, durchsetzt von drei Maschinen und endend mit einem Refrain. Im Ganzen herrscht hohe formale Bewußtheit. Die Strophen umgibt die Aura des spröde Innigen, des antisentimental artikulierten Lamentos mit Spinnweben-Melos, beißend dürrem Gewimmer, Zwitterwesen aus Vibrato und Glissando.
Brachial fährt die Maschinenwelt dazwischen, das Orchester mutiert zum draufgängerischen Kollektiv-Metallophon in fantastisch peitschender Instrumentation.
Ter Schiphorst baut ihre Formteile - auch dies Zeichen der Art-Rock-Affinität - vorzugsweise über strukturellen Versatzstücken, alla passacaglia oder in Ostinati auf. Es ist Direttissima-Musik, hochfahrend, lebenslustig und todesfreudig, bei allen instrumentalen Tricks und Extravaganzen nicht die Spur toten Papiers, was die packende Aufführung unterstrich. Hundert Komma Null ist eigentlich ein bewegender Roadmovie fürs Konzertpublikum. Nach diesem Einstand muss Iris ter Schiphorst als eine der viel versprechenden Gestalten im Dschungel mitteleuropäischer Orchesterkomposition gelten.
(Roadmovie , Musica-viva in München von Christoph Schlüren)

Aus dem Münchner Merkur vom 14. 2. 2000

… Viel Applaus erntete Iris ter Schiphorst mit ihrer Orchester-Ballade “HUNDERT KOMMA NULL”, die als Kompositionsauftrag der Musica viva uraufgeführt wurde.
Die Komponistin nutzt die klanglichen Möglichkeiten effektvoll (Klavier, Säge), setzt die Elektronik eher dezent ein. Herrlich, wenn mehrfach - fast wie bei Mahlers Fernorchestern - die Blasmusik schräg dazwischenfunkt. Das hat Witz, erfrischt und machte auch dem im heiklen rhythmischen Gegeneinander sicheren Orchester großen Spaß. (von Gabriele Luster)

in: Zeitschrift: Positionen 2000

Nach der 3 D Opera Anna’s wake (1993), dem Musik-Video-Theater Silence moves (1997, UA Dresden) sowie mehreren großen Gemeinschaftsarbeiten zusammen mit Helmut Oehring, darunter das Requiem (1998, UA Donaueschingen) und das Tanztheater Bernarda Albas Haus (1999, UA Basel/Rom/Berlin), legte die 1956 in Hamburg geborene Iris ter Schiphorst nun ihre erste Orchesterkomposition vor. Und getreu ihres künstlerischen Werdeganges als Pianistin, als Bassistin und Schlagzeugerin in verschiedenen Rockgruppen und als Komponistin, die zudem Philosophie, Kultur- und Theaterwissenschaften studiert hat, ist es ein in der Orchesterlandschaft unakademisch querständiges Werk: in Sound und Rhythmus unverhohlen der emotionalen Wahrhaftigkeit und unverstellten Sinnlichkeit von Rock- und Soulmusik verpflichtet, zwischen auswegloser Melancholie und radikal zermalmender Lebenslust; beide Emotionsbereiche dominieren das siebzehnminütige Werk. Die Ballade für Orchester, wie der Haupttitel lautet, verdankt sich einem Kompositionsauftrag der musica-viva-Konzerte München und wurde am 12. Februar 2000 im Herkulessaal der Bayerischen Landeshauptstadt durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Martyn Brabbins uraufgeführt.
Die Genrebezeichnung Ballade gilt in doppeltem Sinne, inhaltlich als dramatische Erzählung sowie formal als siebenteilige Rondo-Form. So genannte Maschine-Abschnitte wechseln mit Strophen und namenlosen Abschnitten, den Schluß bildet ein Refrain, der nicht wiederkehrt. Sie sind hart aneinandergeschnitten, wie herausgebrochen aus größeren Zusammenhängen und bilden drei attacca verbundene große Teile:
I BESSER (1. Strophe; Maschine A; 2. Strophe; Maschine B)
II LESE ( …; 3. Strophe; …
III LEBEN, DAS IST … (Maschine C; Refrain).
Die musikalische Erzählweise gleicht allerdings keineswegs einer sukzessiven Verlaufsform, sondern breitet vielmehr emotionale Zustände aus, treibt diese in beklemmende Tiefen und kontrastiert sie mit schonungslosem Realismus. Überhaupt komponiert Iris ter Schiphorst eher mit Klangzuständen, mit energetischen Klangfeldern, als daß sie Töne oder Tongruppen zusammensetzt, um damit bestimmte Wirkungen zu erzielen.
Jene kürzelhaften Überschriften, Andeutungen von etwas, stammen aus einem der Anagramme der 1916 in Berlin geborenen, vom deutschen Faschismus vertriebenen Malerin und Schriftstellerin Unica Zürn, die im Paris der 50er Jahren mit den Surrealisten sympathisierte und sich im Alter von sechzig Jahren das Leben nahm. Die Schlußzeile jenes Anagramms, aus der die Überschrift von Teil III stammt, heißt vollständig und lapidar: »Leben, das ist schrecklich«. Das vollständige Anagramm, das die Partitur mitteilt und den Strophen zugeordnet ist, lautet:
»Besser
stick ich lachend Asse, (1. Strophe)
Dreck in’s Blendlicht schandstrickbleich. (2. Strophe)
Lese
schlicht als dicker Besen: (3. Strophe)
Leben das ist
schrecklich.« (Refrain)
In solch inhaltlicher Zuspitzung, die in ter Schiphorsts Komposition eine inhaltlich notwendige Abstraktion bedeutet, verdichtet sich die Ballade zum Requiem auf eine »Koinzidenz von Zeit und Raum … mit dramatischen Konsequenzen«1 an einem Kilometerstein 100,0.
Das auffälligste Kennzeichen dieser Musik sind ein Sound aus klanglichen Extremen – sie betreffen die Schäbigkeit, Zerbrochene von Tönen ebenso wie das Schrille oder enorme Lautstärken – und strukturell harte, »gnadenlose« Schnitte. Dieses Bis-zum-äußersten-Gehen spiegelt sich bereits in der Nutzung des Orchesters als Soundinstrument. In allen Instrumentengruppen dominieren die tiefen Register, die Blechbläser sind stark besetzt. Erweitert wird das Symphonieorchester (ohne 2. Violinen, Fagotte und Violen, also bei ausgedünnter Mittellage) um präpariertes Klavier, Sample-Keyboard und drei Schlagzeuger. Besondere Anweisungen für die Mikrophonierung und vor allem entsprechende Spielanweisungen verhindern generell einen »schönen« Orchesterklang. Diese lauten etwa: »Krank, verschleiert, dunkel, dennoch sehnsuchtsvoll, mit viel Geräusch«, »metallisch fremd«, »Stöhnen: unbestimmte Tonhöhe, jedesmal anders«, »pizz. mit Plektrum«, »nur Luft, hart abreißen«, »quetschen, Tonhöhe ansteigend«, »brüchig, jeden Ton ersterben lassen«, »zum Kreischen bringen«, »dreckiges Gliss.« – und immer wieder »Stöhnen«, »mittleres Stöhnen«, »tiefes Stöhnen«. Diese stöhnenden Töne, ein mühsames, gequältes Hervorbringen also, ist typisch für die Maschine-Teile, ebenso deren orgiastische Rhythmik.
Das Kernstück der Ballade, das die Emotionen der Trostlosigkeit und Lebensintensität ineinssetzt, bricht im ausgedehnten Mittelteil Lese kurz nach der zeitlichen Mitte der Komposition für wenige Sekunden unvermittelt ein: die Titelzeile aus James Browns atemberaubendem Soultitel von 1965 Its’ a man’s, man’s world. Davor: Trostlosigkeit, die Zeit zum Stillstand bringt, dann sechs Sekunden mörderisches Pathos, sechs Sekunden James Brown vom Sample-Keyboard, sechs Sekunden Trauermarsch im Jahrmarkstorgelsound – danach Ton-, Melodiefetzen, Metallschläge, Unformbares, Stehenbleiben von Zeit, Leere … und die 3. Strophe. In diesen zwölf Takten bricht eine Welt aus den Fugen. Mit solchem Hörerlebnis in Ohr und Kopf hat der sich anschließende, archaische Maschine-Teile seine Kraft verloren, obwohl zunächst genau dieselben Noten wie bei Teil A und B gespielt werden. Aber die Wirkung ist eine andere. Auch dieses Komponieren auf der Basis von Erlebniswerten durch Hören ist wohl typisch für Iris ter Schiphorst. Der Teil Maschine C wird schließlich auch strukturell löchrig, läuft in repetitiven Ketten leer; was bleibt ist das Eingeständnis einer unstillbaren Sehnsucht.
Daß musikalische Emotionalität aber wieder so unmittelbar und intensiv möglich ist, ohne nostalgisch oder verbraucht zu wirken, hat offenbar ganz wesentlich mit jenem musikalischen Ganzheitsdenken zu tun, von dem Iris ter Schiphorst als Komponistin ausgeht: Ob Elemente und Musiziererfahrungen aus Rock oder Soul, ob Tonalität, Geräuschklänge, extreme Dissonanzen, Melodien, Cluster, Repetitionen – alles ist erlaubt, was sich vor dem kritischen Ohr der Komponistin als nützlich erweist. Und es hat natürlich mit ihrer Sensibilität und erstaunlichen Klangphantasie zu tun. Damit verändert sich die Qualität des Ausdrucks in Richtung eines emotionalen Realismus. Dieser findet fürs Sterben und für den Tod eine ebenso unverklärte, starke Sprache wie für die Leere der Weiterlebenden: Trostlosigkeit statt Trauer, Brutalität statt Drama, Sein statt Schein. Dieser Realismus aber mußte die alten Melodien und Harmonien durchlöchern, hat die Klänge zerbrechen lassen, schäbig und leer gemacht; die Töne selbst stöhnen, statt den Ausdruck des Stöhnens zu zelebrieren. (Gisela Nauck)

Zur Uraufführung von Anna’s Wake in Berlin 1993

Berliner Tagesspiegel vom 15. 2. 1993

Lädierte Puppe/Die Triple-D-Oper „Anna’s Wake“ im Ballhaus Naunynstraße
Der hysterischen Frau verdanken sich in gewisser Weise die Hauptentdeckungen der Psychoanalyse. Freuds Patientin Anna O. ist nun zur Protagonistin einer Triple-D-Oper für Film, Tonband und Live-Gesang geworden. In „Anna’s Wake“ mutmaßen die Komponistin Iris ter Schiphorst und die Filmemacherin Christine Daum über die Zusammenhänge zwischen dem „Ende der Oper“ und dem Anfang der Psychoanalyse. Zeitlich gesehen fällt die Vollendung der Oper am Ende des 19. Jahrhunderts ja mit der Entdeckung des Unbewußten zusammen. „Anna’s Wake“ ist aber auch als Untersuchung der weiblichen Stimme, ihrer Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten und zugleich als Huldigung an die römische Sängerin Anna Clementi konzipiert.
Es beginnt mit einer Reminiszenz an die Überhöhung des Gefühls im Gesang, der Belcanto wird buchstäblich auf die Spitze getrieben. Auf erhöhtem Podest plaziert, mit verlängerten Proportionen an eine von Klimts Jugendstil-Heroinen erinnernd, muß Anna Clementi gegen ein Gewirr elektronisch verzerrter Stimmen ansingen. Die Stimmenvielfalt im Kopf – sie läßt sich nicht mehr bändigen, im schönen Klang bannen…. Im zweiten Teil treibt Anna Clementi ihre Stimme zu einem sparsam instrumentiertem Klang-Invironment in die Extremregister. Im dritten entdeckt sie das Alphabet als Klangmaterial, die Lautwiederholungen und Wortspiele bringen eine komisch-ironische Note in das Spektakel.
Anna mit den vielen Gesichtern: am Ende präsentiert sich die Sängerin als strahlende Androgyne im weißen Anzug. Der Gesang findet zum Melodiösen zurück und gleicht nun einer Namensbeschwörung. Neben Anna Livia Plurabelle aus „Finnegang’s Wake“ von Joyce wird auch eine gewisse DIANA erwähnt. Anna ist nicht eine, Anna – das sind viele.
Von Sandra Luzina

Berliner tip, Heft 4/93
SOLO FÜR ANNA/Die Triple D‘Opera „Anna’s Wake“ kommt mit nur einer Darstellerin aus
Ein Rollstuhl markiert den Anfang der Geschichten. Von da an bewegt sich die Sängerin und Schauspielerin Anna Clementi auf allen Ebenen am Abgrund entlang. Im Ballkleid humpelt sie über nächtliche Straßen, auf Stöckelschuhen geht sie über zerbrochenes Glas: ihre Wohnung ist ein Labyrinth aus Spiegeln, Erinnerungen und Alkohol. Die 3-D-Oper „Anna’s Wake“, die die Komponistin und Musikerin Iris ter Schiphorst und die Filmerin und Autorin Christine Daum geschrieben hat, rankt sich rund um die Krankengeschichte der Berta Pappenheim – besser bekannt als der Fall der Anna O., wie die Begründerin des jüdischen Frauenverbandes auf ihrer Psychiatrieakte hieß. Das Werk hat drei verschiedene Ebenen, die sich permanent überschneiden. Einerseits ist da die Komposition, eine von Stimmengewirr, Chorgesängen, Alltagsgeräuschen und instrumentierten Parts lebende Tonspur, die vom Band kommt und sowohl Rückgrat als auch treibende Kraft des Ganzen ist. Andererseits visualisiert der Film, der abwechselnd auf zwei verschiedenen Leinwänden abläuft, die Zustände, in denen die einzige Figur der Oper eingemauert ist. Anna Clementi, die Filmdarstellerin, ist aber auch leibhaftig anwesend, das ist die dritte Ebene…. Dabei ist die Choreographie von „Anna’s Wake“, das Zusammenspiel von Filmfigur und Live-Darstellerin, minutiös gearbeitet: Anna Clementi kommuniziert mit ihrem eigenen Bild, mit ihrer eigenen Geschichte. Hat sie live ein weißes Kleid an, so sitzt sie sich auf der Leinwand in einem grünen Zweiteiler gegenüber. Singt sie, bewegt sich oft auch ihr Zelluloid-Mund, schreit, atmet, gibt Unterbewußtes preis. Wer sich auf den multimedialen Pfad einer Hysterikerin bewegen will, kann das vom 12. bis 14. Februar tun.
Von Anna-Bianca Krause